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Review: Audemars Piguet Royal Oak 15450SR

Der 70er-Jahre Stahlklotz unter der Lupe

Watches
Veröffentlicht von Ferdinand Vogler am 09.12.2020 5 min Lesedauer
Georges standen die Schweissperlen auf der Stirn. Es ist der Vorabend der Baselworld 1971. Schweizer Unternehmen gehen bankrott, die Kunden gieren nach hochpräzisen japanischen Quarzuhren. Die Schweizer Uhren: zu viel Tick-Tick, zu wenig Tam-Tam. Die Designer: ratlos.

Die Nummer für Designnotfälle

Es wird erzählt, dass Georges Golay, Audemars Piguet’s ehemaliger CEO, am Vorabend der Baselworld 1971 Gerald Genta angerufen hat, um ihn mit dem Design einer Stahluhr zu beauftragen. Er brauche ein Modell, “wie sie die Welt noch nie gesehen hat”. Gerald hatte vorher schon gutverkäufliche Modelle für Universal Genève, Omega und Patek Philippe kreiert.

Wir brauchen bahnbrechendes Design, neuartig und bitte bis morgen früh.

Patent US3756017A
Patent US3756017A

Qualität funktioniert selten auf Knopfdruck, aber hier wird die Sage vom kreativen Genie reichlich bedient: scheinbar war das initiale Design am nächsten Morgen fertig und eine Ikone geboren, die bis heute das Zugpferd von Audemars Piguet’s Kollektion ist.

Skizze der Audemars Piguet Royal Oak von Gerald Genta
Modèle déposé: erster Entwurf der Royal Oak

Ob es tatsächlich so gewesen ist oder ob noch ein paar Iterationen notwendig waren bis zur Lancierung sei dahingestellt – wichtig ist, dass die Royal Oak auch 49 Jahre später nicht nach Mottenkiste riecht und bis heute treueste Fans hat.

Das Zifferblatt

Pantograf bei Audemars Piguet
“Making a Royal Oak Dial with Tapisserie Pattern” (YouTube)

Malen mit Schablonen können schon kleine Kinder. Die etwas komplexere Variante findet sich in dieser Uhr: mithilfe eines Pantografen wird das ikonische “Grande Tapisserie”-Muster gestochen (laut Duden bedeutet Tapisserie eine “Stickerei auf gitterartigem Grund”). Das Ergebnis ist ein Muster bestehend aus feinsten konzentrischen Linien, die durch ein Waffelmuster unterbrochen werden. Der Pantograf ertastet dazu eine vergrösserte Version des ikonischen Zifferblattes und überträgt die Oberflächenstruktur auf einen kleineren Rohling.

Frontalansicht der Audemars Piguet Royal Oak 15450

Das versilberte Zifferblatt spielt auf ganz eigenartige Weise mit dem Licht und kann dunkel bis fast weiss aussehen. Ich habe zuerst befürchtet, dass durch das optische Flimmern es schwierig sein könnte, die Zeit abzulesen, weil die Zeiger mit dem Untergrund verschwimmen. Die Uhr ist aber dennoch gut ablesbar. Stundenindizes, sowie der Stunden- und Minutenzeiger sind mit Leuchtmasse gefüllt, die im Dunkeln hellblau leuchten.

Das Gehäuse

Frontalansicht der Audemars Piguet Royal Oak 15450

Das Gehäuse der Royal Oak ist eine Symphonie der Polituren. Satinierte Flächen mit deutlich erkennbarer Bürstung wechseln sich ab mit hochglanzpolierten Flächen – der Übergang ist dabei messerscharf. Trotz seiner rohen Erscheinungsform schmiegt sich das Gehäuse ans Handgelenk und wirkt wie massgeschneidert. Die Uhr ist angenehm schwer.

Die AP-Initialen auf der Aufziehkrone stehen nicht parallel zum Gehäuse. Manche stört das, vor allem weil die Schrauben mit der Rundung der Lünette perfekt ausgerichtet sind. Das kennt man von Rolex anders, die Krone steht zugeschraubt meist aufrecht.

Obwohl die Uhr an ein Visier einer alten Taucherglocke erinnert, so ist sie nicht für maritime Verhältnisse gemacht. Die Uhr ist ausgewiesen für 5 bar Wasserdichtigkeit. In Kombination mit der Schraubkrone ist etwas Wasser jedoch kein Problem. Wer eine Uhr für den Pool sucht, sollte sich an den Ufern der Offshore-Modellreihe umsehen.

Das Band

Audemars Piguet Royal Oak 15450

Hier wurde nichts gefertigt, was schnell geht. Feinste Grate am Armband sind hochglanzpoliert, während Flächen orthogonal zueinander matt gebürstet sind. Die Innenflächen der Verbindungsglieder sind poliert, während die Oberfläche matt gebürstet ist.

Warum der ganze Aufwand?

Bewegt man die Royal Oak am Handgelenk, hat man das Gefühl, der Uhrmacher hat heimlich LEDs verbaut. Bei der kleinsten Bewegung reflektiert immer etwas. Die Uhr scheint immer in Bewegung zu sein, obwohl man das Handgelenk still hält.

Die Kanten sind abgerundet und die Zwischenräume zwischen den einzelnen Gliedern gross genug, sodass ich den Ruf des Haarentferners nicht bestätigen kann.

Die Schliesse

Audemars Piguet Royal Oak 15450

Die Schmetterlingsschliesse ist doppelt gesichert und rastet satt ein. Ich mache mir keine Sorgen, dass hier etwas aufgehen könnte, ohne dass man bewusst den beidseitigen Drücker betätigt. Eine Feinverstellung gibt es nicht, leider muss hier für die Jahreszeiten eventuell nachjustiert werden.

Das Werk

Audemars Piguet Royal Oak 15450

Im Inneren tickt Audemars Piguet’s Manufakturkaliber 3120 durch einen Saphirglas-Sichtboden. Bei der Unruhfrequenz von 3 Hz wurde ich zuerst stutzig. Bei Rolex’ Oyster Perpetual bewegt sich der Zeiger 8-mal pro Sekunde (4 Hz), bei Zenith’s El Primero sogar 10-mal pro Sekunde (5 Hz). Würde das nicht etwas ruckelig wirken? Wer mal eine schwebende Sekunde erlebt hat, möchte nichts anderes mehr. Die 6 Bewegungen pro Sekunde stören jedoch nicht, da der Sekundenzeiger durch seine Leichtigkeit auf dem aufwendigen Zifferblatt optisch fast verschwindet und nur durch genaues Hinsehen oder eine zufällige Lichtreflektion seine Position offenbart. Das ist für mich kein negativer Punkt, da ich mit der Uhr nicht exakt 14 Sekunden abmessen können muss, damit mich mein Raketenantrieb auf den richtigen Kurs bringt (Zwinker, Speedmaster, Zwinker).

Der Klang

Durch die 21’600 Halbschwingungen pro Stunde ergeben sich 60 Stunden Gangreserve, der Rotor zieht in beide Richtungen auf. Ab und zu hört man ein sattes Aufziehgeräusch. Mir ist neben der Optik auch die Haptik und der Klang einer Uhr sehr wichtig. Die Royal Oak ist leise am Handgelenk – im Gegensatz zu anderen Werken, die hörbar rasseln oder beim Aufziehen der Krone fies knirschen. Das Ticken der Uhr ist nur hörbar, wenn man das Ohr ganz nah dran hält. Auch hier Qualität, soweit die Ohren hören.

Fazit: Kontrast schafft Spannung

Für mich ist die Royal Oak eine Uhr der Gegensätze. Optisch scheint sie für (einmalige) Tauchmissionen gemacht zu sein – bietet dann jedoch nur magere 5 bar Wasserdichtigkeit. Das Gehäuse und Band protzt mit filigraner Verarbeitung, aber dann ist die Aufzugskrone nicht ausgerichtet. Audemars Piguet und die Beschriftung Automatic sind in Serifenschrift gesetzt, während das Datum in einer serifenlosen Schrift daherkommt.

Wir Menschen sind übersäht mit Schönheitsmäkeln. Unsere Jeansjacken sind cooler mit Rissen. Essen schmeckt besser, wenn Süsse und Schärfe aufeinandertreffen. Kontraste schaffen Spannung.

Spannend ist auch diese Uhr, weil die Uhr im Detail eben nicht perfekt ist. Diese Abweichungen wirken bewusst gesetzt und sind keine Missgeschicke. Ich verstand nie den Hype um die Royal Oak, bis ich sie zum ersten Mal “in echt” ansehen konnte. You know, when you know. Diese Uhr ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die Uhrenwelt zählt viele Hommagen an das Design der Royal Oak, das Original steht jedoch seit vielen Jahren unerschütterlich – wie man es von einer könglichen Eiche erwartet.

Technische Daten

Werk

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